Autoreninterviews

Mit unseren Autoreninterviews stellen wir Ihnen neue und bekannte Autoren des Karl-Mahnke-Verlages vor, um Ihnen die Menschen hinter unseren Stücken ein wenig näher zu bringen. Heute stellen wir Ihnen Autor Michael Wempner vor.

Interview mit Michael Wempner

(09.09.2019)


Wenn man Ihre Vita liest, sticht vor allem Ihre Vielseitigkeit hervor: Bildhauer, Schauspieler, Regisseur, Autor, Theaterleiter. Wie sieht Ihr Tages- bzw. Wochenprogramm aus? 


Größtenteils arbeite ich für die 2010 von mir mitgegründete Broschmann & Finke Theater Company. Das heißt: Stückauswahl, Erstellung von Proben- und Spielplänen, Organisatorisches zu unserem Kindermusical und Wartung des neuen Online-Vorverkauf-Systems. Für unser aktuelles Musical „Rock My Soul“ über die Les Humphries Singers, steht gerade die Umbesetzung eines dunkelhäutigen Sängers an. Da gilt es viele Hebel in Bewegung zu setzen, um adäquaten Ersatz zu finden. Abends finden regelmäßig die Proben oder Vorstellungen statt. Das Inszenieren bedeutet für mich kreativ sein im Probenrhythmus, was spannend ist, aber auch viel abverlangt. In der theaterfreien Zeit sitze ich an meinem Schreibtisch, um das nächste Theaterstück zu schreiben. 

Welches Genre ist Ihnen das nächste: Die Bildhauerei, Schreiben, Inszenieren oder auf der Bühne stehen?

Alles zu seiner Zeit. Eine besondere Erfüllung ist es natürlich, wenn alles zusammenfließt. Nach einer Bildhauerlehre und Studienjahren in Hamburg und Italien habe ich zehn Jahre freiberuflich im Bereich der bildenden Kunst gearbeitet. Parallel spielte ich zu der Zeit bei der Niederdeutschen Bühne Flensburg, über die ich, aufgrund meiner Ausbildung, auch Aufträge für Bühnenplastik und Bühnenbild bekam. Das Schreiben hingegen ist meine eigentliche Berufung. Diese Kreativarbeit ist mir besonders nah, wenn ich mitten in der Entwicklung eines neuen Stückes stecke. Selbst auf der Bühne stehen brauche ich, um mich zu erden, Teil eines Ensembles zu sein und in direktem Austausch mit dem Publikum.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Was reizt Sie besonders am Schreiben?

1999 suchten wir nach einem passenden Kinderstück für unser gesangfreudiges Ensemble in Flensburg. Es war quasi eine Initialzündung und so brachte ich mit „Alles Banane“ eine kindgerechte Geschichte zu Papier, die mit der Musik der Gebr. Hufnagel einen Erfolg hatte, der all unsere Erwartungen übertraf. Mich reizen am Schreiben die Darstellung aktueller Themen und die Entwicklung der Figuren. Mein Anspruch ist, dem Zuschauer zeitgemäße und authentisch gestaltete Geschichten nahe zu bringen. Die Protagonisten sollen nicht belehrend in Aktion treten, sondern ihre Wirkung als Impulsgeber für eigene Gedanken und Fragen der Zuschauer entfalten. Dabei liegt mir besonders der Humor am Herzen, weil er die Wahrnehmung vieler Situationen erleichtert, ohne die Schattenseiten des Lebens vergessen zu machen. Mit Charlie Chaplin: „Um wirklich lachen zu können, musst du fähig sein, deinen Schmerz zu nehmen und damit zu spielen“.

Wie kommen Sie zu Ihren Stückideen? Zum Beispiel bei „Champagner to´n Fröhstück“ oder „Single, 66, söcht…“. Gibt es so etwas wie Vorbereitungs-/Kreativrituale?

Wenn mich ein Thema oder eine Idee reizt, versuche ich mir ein Szenario vorzustellen, in dem die Geschichte spielen könnte und welche Protagonisten dafür am glaubwürdigsten wirken. Bei "Champagner to´n Fröhstück" interessiert mich der Umgang der älteren Generation mit den Themen Einsamkeit, Liebe und Verlust der Selbständigkeit. "Single, 66, söcht..." beleuchtet die Schwierigkeiten, aber auch die Kreativität der Partnersuche im Alter, was sich sehr ernsthaft und zugleich äußerst humorvoll gestaltet.

Sie haben sowohl Kinder- und Jugendtheaterstücke geschrieben als auch für Erwachsene. Was bereitet Ihnen mehr Freude?

Freude bereitet mir das Schreiben vor allem, wenn mich eine Idee gepackt hat. Erich Kästner sagte einmal: „Für Kinder muss man schreiben wie für Erwachsene. Nur besser!“ Kinder sind kritisch und wollen ernst genommen werden. Ich habe sechs Kindertheaterstücke geschrieben, die nicht nur unterhalten, sondern Werte ohne erhobenen Zeigefinger vermitteln. Gepaart mit kindgerecht erarbeiteten Musikkompositionen bahnen sie sich allmählich den Weg auf die Bühnen. Viele Theater greifen jedoch nach wie vor zu Klassikern oder bekannten Titeln, da diese publikumswirksam sind und finanziell meist eine sichere Bank darstellen. Da bleibt die künstlerische Vielfalt allerdings häufig auf der Strecke. Es gibt aber auch innovative Theater, die dem jungen Publikum Stücke präsentieren, die zeitgemäße Themen behandeln. Das Schreiben für Erwachsene braucht andere Themen, andere Protagonisten. Wichtig ist mir Authentizität, Spannung und Humor.

Sie sind Mitbegründer der „Broschmann & Finke Theater Company“. Was hat Sie dazu bewogen, eine eigene Company zu gründen? Erzählen Sie uns etwas über Ihre Company. Wie arbeiten Sie? Mit wem arbeiten Sie? Mit einem festen Team oder mit wechselnden Partnern? Für welches Publikum spielen Sie?

Von 1975 bis 2010 war ich Mitglied der NDB Flensburg. Nach 35 Jahren an diesem Theater entstand aber der Wunsch neue, innovative Theaterformen und auch andere Genres auszuprobieren. Die Möglichkeiten hierfür fand ich mit meinem Kompagnon, Dirk Magnussen, bei der Gründung der Broschmann & Finke Theater Company. Eine freies Privattheater, das ohne jegliche Förderung professionelle Schauspiele, hoch- und niederdeutsche Komödien, Musicals, Comedy-Produktionen und Kindertheaterstücke heraus bringt. Namensgeber waren zwei skurrile Damen, die in unseren Comedy-Programmen zu Kultfiguren geworden sind. Wir spielen meist auf der Tourneetheaterbühne in Flensburg Harrislee. Dort haben wir optimale Bedingungen, um auch aufwändige Stücke zu inszenieren. Zum Ensemble gehören wunderbare Musiker-, Sänger- und Schauspieler- innen aus der Musik- und Theaterbranche oder, wie aktuell beim Les Humphries Musical "Rock my soul", Musikstudierende der Uni Flensburg. Aufgrund der vielschichtigen Auswahl unserer Produktionen umfasst unser Publikum tatsächlich alle Generationen. Die Kinder lieben unsere Kinderstücke und vom Jugendlichen bis zum 100-jährigen begeistern sich jedes Jahr über 17.000 Zuschauende für unsere vielfältigen Stücke.

Im März kommenden Jahres bringt das Ohnsorg Theater Ihr Stück „Champagner to´n Fröhstück“ auf die Bühne. Ist dies sozusagen Ihr Autoren-Debüt am Ohnsorg Theater? Was bedeutet das für Sie? Spielte das Ohnsorg Theater bereits eine Rolle in Ihrem Leben? Wenn ja, welche?

Für niederdeutsche Autoren war es schon immer eine Ehre am Ohnsorg Theater gespielt zu werden. Nach wie vor ist es das größte professionelle, niederdeutsche Theater im Norden mit besonderer Strahlkraft. Ich freue mich "Champagner to´n Fröhstück" mit einem so engagierten Schauspiel- und Regieteam erleben zu dürfen. Das Ohnsorg Theater spielte übrigens schon früher eine große Rolle in unserer Familie. Wurden doch viele Stücke meines Vaters dort uraufgeführt (Keen Utkomen mit dat Inkomen, De vergnögte Tankstell, Rund um Kap Horn, Petrus gifft Urlaub). Vor meiner Autorentätigkeit habe ich auch für das Ohnsorg Theater im Bereich Bühnenplastik und Bühnenbildentwurf gearbeitet.

Neben dem Ohnsorg werden Sie im kommenden Jahr selbst die Uraufführung Ihres Stückes „Single, 66, söcht…“ mit der „Broschmann & Finke Theater Company“ auf die Bühne bringen. – Worum geht es in diesem Stück?

Drei Damen im besten Alter haben ihr Singledasein satt und wollen wieder etwas Abwechslung in ihr männerarmes Leben bringen. Der Versuch über eine Kontaktanzeige einen Partner zu finden, erweist sich als mehr oder minder schwierig. In dieser Situation kommen die drei auf eine Idee, die man Damen in diesem Alter kaum zugetraut hätte. Sie organisieren ein Speed-Dating für Singles jenseits der 60. Die spleenige Idee entwickelt sich zum großen Erfolg. Fünfundzwanzig interessierte Herren möchten teilnehmen, von denen ein paar Tage später eine kuriose Auswahl zum Dating Ü-60 erscheint.

Sie sind 4-facher Vater. Wie lassen sich für Sie Familie und Kunst miteinander vereinbaren?

Inzwischen sind meine Kinder erwachsen, zwei haben selbst schon Kinder. In den zurück liegenden 20 Jahren war die Vereinbarung von Familie und Theater natürlich nicht immer einfach. Größtenteils hat meine Frau mir den Rücken frei gehalten und mich auf ihre liebevolle Weise sehr unterstützt.

Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade schreiben?

Ich sammle und repariere alte Dinge. Vom 74er VW Käfer über Alltagsgegenstände bis hin zu Antiquitäten bringe ich wieder in Ordnung, was erhaltenswert ist. In unserer Überflussgesellschaft wird viel zu viel weggeworfen, statt es zu reparieren. Natürlich kommt mir dabei mein erlernter Beruf als Bildhauer zu gute, und so halte ich es mit dem Hausmeister aus "Champagner to´n Fröhstück": Ik kann Schweissen, Löten, Dischern, Molen, Muern, Schliepen, Teknen, Nieten, Neihen, Sticken, Stricken, Polstern un so wieter un so wieter.


Was bedeutet die niederdeutsche Sprache für Sie, wie verbindet sie sich mit dem Theater?

Die Niederdeutsche Sprache ist ein wichtiges Kulturgut und wurde aus diesem Grund von der UNESCO in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die Sprache repräsentiert für mich die Verbindung zwischen den Generationen und sollte, so lange es irgend geht, weitergegeben werden. Das Theater ist eine von vielen Möglichkeiten. Für mich die vielfältigste und wunderbarste.


Das Interview führte Fabian Joel Walter.